Faszination Marathon

Ein Bericht von Heike Eger

„Marathon? Warum tut man sich sowas an?“ Eine Frage, die sicherlich jeder Marathonläufer schon einmal zu hören bekommen hat. Doch tun wir uns das wirklich an? Ist es denn wirklich eine Qual? Ein Schmerz? Ist genau das der Reiz? Und wie kommt man überhaupt dazu, Marathon zu laufen?

 

Ich war schon als Kind sportlich. Machte mit 8 Jahren meinen Windsurfschein, fing mit 14 Jahren das Snowborden an, wechselte schließlich zum Flugsport und sprang Fallschirm. Ausdauersportarten interessierten mich nicht wirklich, bis ich eines Freitagabend, im Alter von 21 Jahren, unkonzentriert im Feierabendverkehr von Frankfurt ein Stauende auf der Autobahn übersah. Schwer verletzt wurde ich auf der Intensivstation eingeliefert. Nachdem ich wieder klaren Bewusstseins war, wurde mir offenbart, dass Fallschirmspringen nicht mehr möglich sein wird. Die folgenden Monate waren geprägt mit Physiotherapie und Fitnessstudio. Ziel war es, die Muskulatur wieder aufzubauen und den zertrümmerten Brustkorb zu stärken.

 

Körperlich gestärkt, traf ich die Entscheidung, mich der Freiwilligen Feuerwehr anzuschließen und genauso helfen zu können, wie mir geholfen wurde. Und da war sie, die Feuerwehrlaufgruppe. Heute kaum zu glauben, konnte ich vor einigen Jahren nicht einmal 5km am Stück laufen. Motiviert durch die Laufgruppe fing ich an zu laufen. Die Distanz steigerte sich, bis ich eines Tages beim 10km Feuerwehrlauf an der Mosel teilnahm. Es war im September 2008 und ich benötigte 1:08:44 Stunden, um das Ziel zu erreichen. Trotz meiner langsamen Laufgeschwindigkeit von 6:52 Min./km war ich im Ziel geflasht und wusste, ich will mehr!

 

„Ich fühlte mich wie Forrest Gump“

 

Schon hatte ich Blut geleckt und so lief ich mehrmals die Woche, immer weiter. Man kann sagen, ich fühlte mich wie Forrest Gump: „Lauf Forrest, lauf!“. So kam es, dass ich im Juni 2010 beim 10km Feuerwehrlauf in Michelbach den 1.Platz der Damenhauptklasse belegte und in Euphorie sagte: „Ich könnte ja mal einen Marathon laufen!“ Meine Feuerwehrkameraden lachten mich aus und meinten: „Heike, lauf´ erstmal einen Halbmarathon, bevor du einen Marathon laufen willst!“ Für mich war aber klar: „Nein, ich mache keine halben Sachen, ich ziehe das durch!“

 

Der erste Marathon – Beginn der Faszination Marathon

 

Wo ich den Marathon laufen werde, stand für mich sofort fest: Frankfurt, denn die Faszination der großartigen Skyline und der atemberaubende Zieleinlauf der Frankfurter Festhalle sollten meinen Tag zu einem unvergesslichen Tag machen.
Ich kaufte mir ein Marathontrainingsbuch für Frauen und legte los. Der Weg zu meinem großen Ziel war schwerfällig, denn völlig unerfahren bedachte ich natürlich nicht, dass mein Bewegungsapperat diese hohen Belastungen nicht gewohnt ist. Auch bedachte ich nicht, dass ich definitv mehr Kalorien zu mir nehmen muss, wenn ich meinen Trainingsumfang erhöhe.

Die Monate glitten dahin, der große Tag rückte näher und der letzte lange Lauf stand an: 30km! Früher waren 30km auf dem Rad schon eine Leistung für mich. Die aber laufend zurücklegen? Der Lauf ist mir noch heute, 7 Jahre später, gut in Erinnerung. Nicht nur, dass ich es durchzog, auch biss mich ein Terrier 500m vor meiner Wohnung. „Das hat er noch nie gemacht, er hat sich sicherlich wegen Ihrer Laufbrille erschrocken!“ Eine weiße Sportbrille mit dunklen Gläsern, eine äußert seltene Erscheinung 😉 So endete mein letzter großer Lauf mit einer Tetanusspritze, einer Wundspülung und der Ungewissheit, ob ich an der Startlinie stehen werde. Die lauffreien Tage vergingen, die Wunde heilte und so beschloss‘ ich, ich werde laufen können. Nicht schnell, aber ich werde es versuchen!

 

Der große Tag

 

Der 29.Oktober 2011, einen Tag vor dem -damals noch- BMW Frankfurt Marathon. Nervosität machte sich breit, ich legte meine Sachen zurecht: Lange Laufhose, langes Shirt, einen Trinkrucksack, Riegel, Gels, Musik. So ein Marathon ist ja schließlich lang, da packt man am besten noch ein Zelt und Schlafsack ein!
Im letzten Startblock stand ich also. Mein Magen nervös, mir war kalt. Das man sich vor dem Start einen alten Pullover überziehen kann, der anschließend noch von Kleidersammlern wiederverwendet wird, entzog sich damals meiner Kenntnis. Hunderte Meter vor mir stiegen Luftballons den blauen Himmel hinauf, ein Applaus zog sich über das Feld hinweg, das Läuferfeld war gestartet. Gänsehaut machte sich breit, das ist er also, mein großer Tag!

Ich genoss die Stimmung in der Stadt, die Trommler und applaudierenden Menschen. Jeder Meter hatte seinen ganz besonderen Reiz, auch wenn es manchmal nur die Reizung meiner Sehnen war. Ab KM30 wartete ich auf den sogenannten „Hammermann“. Der lief allerdings an mir vorbei, denn für den war ich viel zu langsam unterwegs 😉

Die Mainzer Landstraße war für mich damals der schwierigste Teil. Die lange Gerade, vorbei an meiner Dienststelle, der Commerzbank AG. „Du kannst jetzt einfach aussteigen und dir im Büro eine kalte Cola holen!“ erwischte ich einen Gedankengang.
Ich stieg nicht aus, erreichte wieder die tobende Innenstadt und merkte, wie lange sich 2km ziehen können. Das ich viel zu wenig und falsch trainiert hatte, spürte ich besonders auf den letzten Kilometern. Doch dann bog ich um die Kurve mit dem Ziel der Frankfurter Festhalle vor Augen. Menschen jubelten, klatschten mit mir ein, ehe es in die Festhalle ging.

Da war sie! 42,195km gelaufen mit meinen eigenen zwei Beinen! Blitzlichtgewitter, eine atemberaubende Atmosphäre. Müde zwei Beine, die über den roten Teppich schreiten und Tränen, die über meine Wange liefen. Entgegen aller Vermutungen hatte ich es geschafft. Langsam in 5:16:41 Stunden, aber angekommen! Ich riss die Arme in die Höhe und war mir sicher: „Ich bin der glücklichste Mensch der Welt!“

 

Gepackt von der Faszination Marathon

 

Doch wie komme ich jetzt die Treppen herunter? Was ist mit meinen Beinen los? Auch diese Erfahrung war vollkommen neu für mich. In der Zielverpflegung schmerzten die Beine, der Körper fuhr runter und ich fühlte mich müde und ausgelaugt.

Marathon? Warum tut man sich sowas an! Einmal und nie wieder!

Und so meldete ich mich nur wenige Tage später für den Frankfurt Marathon 2012 an 😉
Ich erreichte 2012 die Festhalle nach 4:37:40 Stunden und wusste, mit einer gewissen Leidenschaft zu dem, was du tust, kannst du alles erreichen. 6 Jahre später bin ich nicht nur Läuferin, sondern Triathletin, hessische Meisterin AK auf der Mitteldistanz und erwäge 2019 einen Start auf der Langdistanz in Frankfurt. Ausdauersport ist in meinem Leben nicht mehr wegzudenken. Definitiv hat mich der Ausdauersport und vor allem die Lauferei verändert. Der Ausdauersport ist wie ein junger Baum. Wenn du ihn pflanzt, ist er dünn und empfindlich. Das Wurzelwerk nicht ausgeprägt. Über die Jahre wird der Baum stärker, die Wurzeln verankern sich und ein Sturm reißt ihn so schnell nicht mehr aus der Erde. Genau das macht der Ausdauersport mit dir!
Durch die Lauferei konnte ich einige Schicksalsschläge verarbeiten und überwinden. Laufen macht meinen Kopf frei, überschüttet meinen Körper mit Endorphinen und macht mich stärker.

If there are no ups and downs in your life, it means you are dead!

In diesem Sinne geht raus, lauft und spürt den Wind auf eurer Haut!

Einen Marathon kannst du nicht nur laufen, wenn du in unter 4 Stunden ins Ziel kommst. Egal wie lange du brauchst, der Zieleinlauf und die Glücksmomente warten auch nach 5 Stunden noch auf dich! Hab‘ Mut, vertraue dir und erlebe mit uns Skylinerunner diesen atemberaubenden Moment!

 

  • ÜBER DIE AUTORIN

    Christina Dörr

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